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Digita­li­sierung und Mobilität

Die Digita­li­sierung durch­dringt zunehmend sämtliche Lebens­be­reiche – sowohl beruflich wie auch im Privaten. In der Folge entstehen innovative Lösungen und ganz neue Bedürf­nisse der Nutzer. Dies gilt insbe­sondere für den Bereich der Mobilität. Die Digita­li­sierung führt zu neuar­tigen Mobili­täts­kon­zepten, verändert aber auch die Erwar­tungen der Nutzer an die Mobilität. Welche Trends hier erkennbar sind und welche Rolle der Bahnverkehr zukünftig dabei einnehmen könnte, skizziert der Gastbeitrag von Dr. Rahild Neuburger.

In Bezug auf Mobilität werden folgende Trends wiederholt disku­tiert: autonomes Fahren, intel­li­gente, vernetzte Mobili­täts­in­fra­struk­turen (auch als Basis für autonomes Fahren), Sharing-Systeme (zum Beispiel Car- und Bike-Sharing) sowie Online­platt­formen oder Apps zur Verbes­serung des Kunden­service, zum Beispiel durch kunde­n­ori­en­tierte, indivi­dua­li­sierte Mobili­täts­an­gebote. Es entstehen übergrei­fende Mobili­täts­systeme, bei denen nicht mehr die Nutzung eines einzigen Verkehrs­mittels im Vorder­grund steht, sondern vielmehr die Frage, wie man unter Nutzung welcher Verkehrs­mittel am besten von A nach B kommt. Auf der Basis verfüg­barer Infor­ma­tionen über den Nutzer sowie vorhan­dener Echtzeit­daten zur aktuellen Auslastung der Infra­struk­turen lässt sich ein indivi­du­elles Mobili­täts­an­gebot konfi­gu­rieren. Im Idealfall verknüpft es existie­rende Trans­port­an­gebote (zum Beispiel Bahn, selbst­fah­rende Robot-Taxis, öffent­licher Nahverkehr, Sharing-Systeme). Die Kunden sind zufrieden, da sie indivi­duelle, auf sie zugeschnittene Lösungen erhalten, und zusätzlich wird die Auslastung der Infra­struk­turen optimiert. In einem derar­tigen Mobili­täts­konzept kommt dem Bahnverkehr als einem der Kernele­mente eine entschei­dende Rolle zu. Diese Rolle innerhalb eines solchen Mobili­täts­systems muss aller­dings weiter­ent­wi­ckelt bzw. (neu) definiert werden.

>> Es entstehen übergreifende Mobilitätssysteme, bei denen nicht mehr die Nutzung eines einzigen Verkehrsmittels im Vordergrund steht. <<

Welche Bedürf­nisse haben die Reisenden?

Relevant scheinen dabei auch die zukünf­tigen Bedürf­nisse der Kunden an Mobilität. Vor dem Hinter­grund der Zukunfts­studie des MÜNCHNER KREISES „Inno­va­ti­ons­felder der digitalen Welt – Bedürf­nisse von übermorgen“ wird deutlich: Der Nutzer hat mehr Wünsche, als nur von A nach B zu kommen. In einer Befragung von insgesamt 7.278 Privat­per­sonen zwischen 18 und 70 Jahren in sechs Ländern (USA, Brasilien, China, Indien, Südkorea und Deutschland) kristal­li­sieren sich folgende, sogenannte Bedürf­nis­muster heraus. Die gewählte Reihen­folge entspricht der statis­tisch ermit­telten Bedeutung der Bedürf­nis­muster bei den befragten Nutzern:

  1. Zeit für andere Aktivitäten: Gewünscht sind Mobilitätslösungen mit der Möglichkeit, sich auf andere Aktivitäten wie Telefonieren, Arbeiten, Kommunizieren oder Ausruhen zu fokussieren.
  2. Von-Tür-zu-Tür-Flexibilität: Die Nutzer möchten schnell und flexibel von Tür zu Tür kommen und sich unabhängig fühlen. Eine vorherige Planung ist nicht gewünscht; wichtig ist es allerdings, die Kontrolle über die nach den eigenen Präferenzen erstellte Route zu behalten.
  3. Hightech und 1.-Klasse-Komfort: Die Nutzer wünschen sich zudem ein hohes Maß an Service – kombiniert mit moderner Technologie. Pünktlichkeit, Zugriff auf aktuelle Nachrichten, guter Service, direkter Zugang zum Internet, Schnelligkeit wie auch personalisierte Vorschläge sind hier relevant.
  4. Umweltfreundlich durch die Stadt: Gewünscht werden Mobilitätslösungen, die Nachhaltigkeit mit Flexibilität und Einfachheit in der Nutzung kombinieren.
  5. Entspannend und sorglos: Die Nutzung von Verkehrsmitteln soll sorglos, angstfrei und entspannend sein.
  6. Pragmatischer Transport: Nutzer wünschen sich die problemlose Abwicklung des Transports – sowohl von schweren, unhandlichen Sachen als auch von Personen.

Das Bedürfnis nach Indivi­dua­lität und Privat­sphäre zieht sich durch nahezu alle Bedürf­nis­muster. Diffe­ren­ziert nach Alters­gruppen wurde zudem deutlich, dass insbe­sondere die jüngere Generation ihre Reisezeit gerne für andere Aktivi­täten nutzen möchte. Aller­dings gestanden alle Befragten zum Befra­gungs­zeit­punkt nur dem (selbst­fah­renden) Auto zu, all diese Bedürf­nisse auch zu erfüllen. Alle anderen Verkehrs­mittel fielen hier vergleichs­weise deutlich ab.

Aus heutiger Perspektive ist dies nicht ganz nachvoll­ziehbar, liegen doch gerade für Verkehrs­träger wie den Bahnverkehr genau hierin erheb­liche Chancen. Denn zum einen werden sich selbst­fah­rende Autos zumindest in abseh­barer Zeit noch nicht so schnell durch­setzen. Zum anderen bedeutet die Ausbreitung von selbst­fah­renden Autos noch nicht, dass der Verkehrs­fluss effizi­enter wird. Im Gegenteil: Auch sie werden – zumindest aus heutiger Sicht – noch häufig im Stau stecken. Dies gilt gerade für Städte. Insofern liegt in der Erfüllung dieser Bedürf­nisse gerade für den Bahnverkehr ein erheb­liches Potenzial – wenn es gelingt die Voraus­set­zungen für die Befürf­nisse 1 bis 3 zu erfüllen.

>> Der Nutzer hat mehr Wünsche, als nur von A nach B zu kommen. <<

Reisezeit für andere Aktivi­täten nutzen

Nach den Erkennt­nissen dieser Befragung werden sich zukünftige Mobili­täts­kon­zepte vor allem dann durch­setzen können, wenn das Bedürfnis nach Privat­sphäre in Kombi­nation mit Flexi­bi­lität, Nachhal­tigkeit und Sorglo­sigkeit sowie Zeit für andere Aktivi­täten reali­siert ist. Die Erfüllung dieses Zusatz­nutzens wird zukünftig eine noch größere Rolle spielen, wenn man die Entwick­lungen im Bereich der (mobilen) Arbeit und der (mobilen) Services in die Überle­gungen einbe­zieht.

Je mobiler Arbeitspro­zesse gestaltet werden, desto stärker entwi­ckeln sich Trans­port­zeiten zu Arbeits­zeiten – ein Phänomen, das sich heute schon beobachten lässt. Gleich­zeitig erlauben mobile Services immer mehr, Aktivi­täten des Alltags wie Einkaufen, Bestellen, Termin­ver­ein­barung, Buchen von Reisen oder auch Weiter­bildung unterwegs zu erledigen. Trans­port­zeiten lassen sich somit zukünftig noch besser zur Organi­sation des Alltags nutzen. Voraus­setzung hierfür sind Konnek­ti­vität, die Bereit­stellung des gewünschten Freiraums sowie das Angebot zusätz­licher Services. Hierin könnte zukünftig eine große Chance für den Bahnverkehr liegen.

>> Je mobiler Arbeitsprozesse gestaltet werden, desto stärker entwickeln sich Transportzeiten zu Arbeitszeiten. Darin liegt eine große Chance für den Bahnverkehr. <<

Wer besetzt die Schnitt­stelle zum Kunden?

Vor dem Hinter­grund der Trends der Digita­li­sierung einer­seits sowie der verän­derten Nutzer­be­dürf­nisse anderer­seits erscheint der Bahnverkehr somit langfristig als ein äußerst attrak­tives, tragfä­higes Konzept – als Teil eines ganzheit­lichen Mobili­täts­systems, das die Bahn, andere Verkehrs­träger und intel­li­gente Services verknüpft. Noch nicht geklärt ist die Frage, wer langfristig die strate­gisch wichtige Schnitt­stelle zum Kunden übernimmt.

In der bishe­rigen Mobili­tätswelt hält so gut wie jeder Verkehrs­träger direkten Kontakt zum Kunden. In einem übergrei­fenden Mobili­täts­system können prinzi­piell mehrere Player die Rolle des Konfi­gu­rators übernehmen: Unter­nehmen wie Google oder Apple, da sie den erfor­der­lichen Zugang zum Kunden besitzen; Infra­struk­tur­un­ter­nehmen, die die erfor­der­lichen intel­li­genten Netzin­fra­struk­turen bereit­stellen; noch unbekannte Player, indem sie an der Kunden­schnitt­stelle eine neue Plattform reali­sieren, oder etablierte Player, indem sie sich zu übergrei­fenden Mobili­täts­dienst­leistern entwi­ckeln.

Auch hierin liegt letztlich eine große Chance für Anbieter im Bahnverkehr. Voraus­setzung ist, dass es gelingt, die Kunden­schnitt­stelle weiterhin zu besetzen bezie­hungs­weise auszu­bauen und durch die Bündelung mit anderen Mobilitäts- und Servicean­bietern passende Mobili­täts­an­gebote für den Nutzer zu generieren.

Die hier zitierte Studie wurde vom MÜNCHNER KREIS erstellt, der das Ziel verfolgt, Orientierung in der digitalen Transformation zu geben: www.muenchner-kreis.de. Dr. Rahild Neuburger ist Geschäftsführerin des MÜNCHNER KREIS.

Dr. Rahild Neuburger
ist seit dem Studium und der Promotion in BWL an der Fakultät für Betriebswirtschaft der Ludwig-Maximilians-Universität München tätig und dort verantwortlich für Marketing/Kommunikation. Forschungsschwerpunkte sind Implikationen der Digitalisierung auf Arbeits- und Organisationsstrukturen und damit zusammenhängende Fragen hinsichtlich Führung, Bildung, Change-Management sowie Arbeitsmethodik. Zudem ist Rahild Neuburger Geschäftsführerin des MÜNCHNER KREIS e. V. und hier unter anderem im langjährigen Projekt „Zukunftsstudie“ aktiv.